Die Bistumsversammlung von pax christi Trier verabschiedete am 20.09.09
diese Resolution zu Afghanistan. Sie sieht den neuen Bundestag vor der
Entscheidungsnotwendigkeit, sich von der militärischen Option für
Afghanistan zu verabschieden und eine Neuorientierung vorzunehmen.
Nach acht Jahren Krieg in Afghanistan und Militäreinsatz von
NATO-Streitkräften inklusive Bundeswehr ist es überdeutlich, dass selbst
die von den Befürwortern dieser Einsätze angegebenen Ziele auf diesem
Wege nicht erreichbar sind. Entsprechend deutlich sind die Zeichen, dass
der Einsatz in einer Sackgasse endet.
Zu diesen Hinweisen gehören unter anderem:
- "der Krieg schon längst das zivile Leben und den zivilisierten Umgang
der Menschen untereinander zerstört hat" (Baraki),
- die Ausweitung der Kampfhandlungen vor allem in den letzten zwei
Jahren mit vielen Toten (bis jetzt in 2009 schon deutlich über 1600) und Verletzten unter der Zivilbevölkerung und den Kombattanten,
- die kritische Bewertung der Sicherheitslage durch die militärische Führung angefangen bei dem kommandierenden US-General McChrystel,
- die massiven Wahlfälschungen bei den letzten Präsidentenwahlen,
- die wachsende Instabilität Pakistans,
- die Kooperation mit korrupten und belasteten Warlords und Politikern
- die Schönfärberei der deutschen Regierungen zum zivil-militärischen
Einsatz der Bundeswehr und dessen Erfolgen,
- die Kritik von zahlreichen Organisationen in der Entwicklungshilfe an
- eben diesem Konzept.
Aus diesen und vielen weiteren Beobachtungen ergibt sich, dass ein
"Weiter so" dem Land Afghanistan und seinen Menschen keine Zukunft
bringt. Alle Szenarien, die von einer Truppenverstärkung (Ausweitung des
Bundeswehrmandates) sprechen, unter-stellen implizit, dass das bisherige
Vorgehen nur intensiviert werden muss, um erfolg-reich zu sein. Das
missachtet sowohl die Webfehler von Anfang an wie auch eine gründliche
Analyse der Gegenwart.
Der Politologe Dr. Matin Baraki hat wiederholt auf die geostrategische
Lage des Landes hingewiesen, die Großbritannien, die Sowjetunion und
auch die USA schon in der Vergangenheit zur Intervention bewogen hat.
Schon vor dem 11.09.2009 waren die Kriegspläne gegen Afghanistan
ausgearbeitet (vgl. u.a. Andreas Buro), die dann durch den Angriff auf
das WTC in New Yorks mit weltweiter Zustimmung ermöglicht wurden. Zudem
waren die Ergebnisse der Petersberger Konferenz mehr von amerikanischen
und europäischen Wünschen dominiert als auf das Zusammenwirken aller
afghanischen Gruppierungen, von denen einige nicht beteiligt wurden.
Gerade die Zusammenarbeit mit belasteten und willfährigen Vertretern des
Landes erweist sich inzwischen als Bumerang.
Es ist offenkundig, dass die gegenwärtigen kriegerischen
Auseinandersetzungen und der völlig unbefriedigende Zustand des
Gemeinwesens nach einer Neuorientierung verlangen.
Zu den
Voraussetzungen gehören unter anderem:
- der Mut, sich vergangene Fehler anzusehen und gegenwärtige
- Entwicklungen zu analysieren, und nicht darauf zu beharren, dass wir im
Wort stehen,
- die Rolle der NATO und ihre geostrategischen Interessen zu hinterfragen,
- damit aufzuhören, Feindbilder zu pflegen und undifferenzierte
Zuschreibungen vorzunehmen
- die innerpakistanischen und den pakistanisch-indischen Konflikte
(Kaschmir) gleichzeitig anzugehen,
- die traditionellen innerafghanischen Möglichkeiten (Loya Dschirga)
unter Mediation eines akzeptierten Garanten zu nutzen,
- schon länger vorliegende Alternativen (Baraki, Hörstel usw.) zu
aktualisieren und daraus eine plausible Handlungsoption zu erstellen,
- das ganze Gewicht auf einen zivilen Aufbau zu legen, um den Menschen
Lebensmöglichkeiten jenseits des Drogenanbaus zu eröffnen. Dazu müssen
mindestens die zugesagten Hilfen zur Verfügung gestellt werden.
Die zahlreichen Toten der Zivilbevölkerung, Kollateralschäden im
Kriegshandwerk der westlichen Truppen und der Angst und Schrecken
verbreitenden Aufständischen, sind Mahnmal eines unseligen Krieges.
Diese Toten wie auch die traumatisierten eigenen Soldaten müssen Anlass
sein, die Entscheidung für die Beteiligung der Bundes-regierung am Krieg
in Afghanistan zu revidieren und Einfluss auf die Beendigung des Kriegs
zu nehmen.
Es ist offensichtlich, dass
- es in diesem Krieg nicht um Stabilisierung geht (Im Gegenteil, der
Krieg konterkariert die Stabilisierung);
- in dem Krieg -- ganz in der Logik der Interessenverteidigung --
geostrategische Interessen verfolgt werden (Wege für das Öl, Sicherheit
in einer geostrategisch wichtigen Region);
- * die ,humanitären' Proklamationen des ,Westens' unglaubwürdig sind,
weil Freund und Feind ebenso wie die Bewertung von Vergehen gegen die
Menschenrechte je nach Interessenlage wechseln. Während es keine
menschenrechtliche Bedenken gab, als die Taliban zur Destabilisierung
der sowjetischen Besatzung nützlich waren, müssen jetzt die
Menschenrechte dazu herhalten, einen interessenbedingten Krieg zu
legitimieren.
Wenn es wirklich um das Leben der Bevölkerung geht, muss ziviler Aufbau
mit zivilen Fachkräften geschehen. Der Abzug des Militärs ist dafür die
Voraussetzung. Das bestätigen ja letztlich auch die Hilfsorganisationen
in ihren Forderungen der Trennung von Militär und ziviler Hilfe.
In Afghanistan zeigt sich das grundsätzliche Problem der strategischen
Umorientierung von der Landes- zur Interessenverteidigung. Dies ist ein
Freibrief zur Intervention je nach Interessen vielleicht sogar
Geschmackslage. Dass es zu dieser Umorientierung gekommen ist, ist
Ausdruck des Zerfalls von Regionen im Kontext von Globalisierung, der
Zerstörungsdynamik des ,Crash-Kapitalismus', der ganze Regionen
chaotisiert bzw. warlordisiert. Dann ist natürlich der durch Markt und
Staat ,geordnete' Zugriff auf Rohstoffe bzw. deren Transportwege
gefährdet. Eine Perspektive für den Frieden kann nur gewonnen werden,
wenn es gelingt, das Überleben von Menschen in ihren Heimatregionen zu
sichern. Die herrschende Weltordnung betreibt das Gegenteil. Sie
zerstört Lebensgrundlagen, chaotisiert und ,sichert' im Chaos durch
militärische Intervention die wirtschaftlichen und politischen Interessen.
Wir erwarten, dass nicht die ökonomischen und geostrategischen
Interessen der Nato-Staaten, sondern das Wohl der Menschen in
Afghanistan Maßstab für das Handeln der Bundesrepublik werden. Wir
erwarten, dass die Bundesrepublik den Einsatz der Bundeswehr in
Afghanistan nicht aufstockt, sondern beendet.
Pax Christi Bistumsstelle Trier
Danzigerstr.48, 54516 Wittlich
14.10.2009
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