Startseite Kontakt Impressum Verlinkung

Militarisierung an den bundesdeutschen Schulen oder die Bundeswehr macht Schule

Das Militär wird gesellschaftlich immer gegenwärtiger. Besonders deutlich wird dieser Trend in der Präsenz der Bundeswehr an den Schulen: Im Jahre 2007 haben 94 hauptamtliche und 300 nebenamtliche Jugendoffiziere in mehr als 8000 Veranstaltungen an Schulen ca. 173 000 Schüler über die Ziele der Bundes-wehr ,informiert'. Die Schüler hatten Gelegenheit, in einem Planspiel eine Sitzung des NATO-Rates zu simulieren oder in einem Simulationsspiel POL&IS die Drohung mit Atomwaffen spielerisch zu erfahren. Deutschland und Japan stehen vor dem Exitus, weil es keine Rohstoffe mehr gibt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums soll den Schülern ,spielerisch' vermittelt werden, "warum Staaten Konflikte austragen" und "warum Ressourcenknappheit einen Staat ruinieren kann".

Die spielerische Erfahrung der Notwendigkeit von Militäreinsätzen (Rolle des Militärs) wird vielfach ergänzt durch Besichtigungen von militärischen Einrichtungen und hochmodernem Kriegsgerät. Was verschleiernd ,Information' genannt wird, steht nicht im Dienst einer kritischen Ausein-andersetzung mit den komplexen Fragen von Gerechtigkeit und Frieden. ,Spielerisch' und ,handlungsorientiert' sucht die Bundeswehr einen Zugang zu den Herzen und Köpfen junger Menschen. Dabei geht es um Legitimation von Krieg und Militarisierung. Es soll die Bereitschaft junger Menschen gefördert werden, mit ihrem Leben auf den Schlachtfeldern zur Verfügung zu stehen.

In einigen Bundesländern gibt es inzwischen Kooperationsvereinbarungen zwischen der Bundeswehr und den Kultusministerien, die den regelmäßigen Besuch der Jugendoffi-ziere regeln; diese -- die Jugendoffiziere - sind in der Aus- und Fortbildung der Lehrer und Referendare eingebunden. Der Angriff des Militärs auf die Schulen ist die Spitze des Eisberges einer schleichenden Militarisierung der deutschen Gesellschaft. Ein Meilenstein war dabei die Änderung der militärischen Zielsetzung: Es geht nicht mehr um Landes-, sondern um Interessenverteidigung. Dies wird in der Nato-Doktrin und in den Verteidigungspolitischen Richtlinien deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Inter-essen reichen dann von der ,Sicherung' des Zugriffs auf Rohstoffe und des sog. freien Welthandels, über militärische Einsätze gegen MigrantInnen bis hin zur Durchsetzung geostrategischer Interessen. Entsprechend wird die Bundeswehr zur Interventions- bzw. -- grundgesetzwidrig -- zur Angriffsarmee umgerüstet.

Vor diesem Hintergrund sind die Rollenspiele um Rohstoffe kein Zufall, sondern Aus-druck der Entschlossenheit, wirtschaftliche und politische Ziele aggressiv durch zu setzten. Im Kern geht es darum, die Funktionsfähigkeit der kapitalistischen ,Weltord-nung' zu sichern, die an den verschiedensten Krisen auf dem Globus zu zerbrechen droht, weil sie nicht dazu in der Lage ist, das Leben der Menschen und die natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern, sondern diese zunehmend zerstört. Das Militär wird zur sichtbaren Faust für die ,unsichtbare Hand' des Marktes, die den Globus in die Krise und immer mehr Menschen in die Katastrophe treibt.

Vor diesem Hintergrund sind die Prozesse der Militarisierung der Gesellschaft zu ver-stehen. Sie zielen darauf ab, der Bundeswehr für die neue Rolle Legitimation und Ak-zeptanz zu verschaffen. Der weltweite Einsatz der Bundeswehr wurde in kleinen Schrit-ten -- gleichsam in Salamitaktik -- einer Öffentlichkeit akzeptabel gemacht, in der die Erinnerung, dass von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen dürfe, noch leben-dig war. Von Aktivitäten am Oderbruch, über humanitäre Einsätze in Kambodscha, von der Unterstützung im Krieg auf dem Balkan, über die ,Operationen' in Somalia bis zu den "stabilisierenden Aktionen in Afghanistan" (Verteidigungsminister Jung) führt der Weg konsequent in die Normalität einer Bundeswehr, die sich -- vom Verteidigungsmi-nister und der offiziellen Propaganda geleugnet -- weltweit im Kriegseinsatz befindet.

pax christi wendet sich gegen die Militarisierung der Gesellschaft, von der die Milita-risierung der Schulen ,nur' die Spitze des Eisberges ist. Außer in den Schulen macht sich das Militär in zivilen Lebensbereichen wie in Ausbildungsstellen, bei der ARGE und dem Arbeitsamt, bei Arbeitgebern und Verbänden etc. präsent. Es präsentiert sich dabei als "zuverlässiger Partner und Garant" deutscher Interessen. Umso leichter ist es dann, das Militär auch ,zivil', d.h. im Innern aktionsfähig zu machen: So kamen gesetz-widrig beim G-8-Gipfel 2008 in Heiligendamm Tornados zum Einsatz und der Bundes-innenminister fordert immer wieder offensiv den Einsatz der Bundeswehr im Inneren.

In ihrem Bemühen, Kriegseinsätze akzeptabel zu machen, steht die Bundeswehr in einer mehr als zweifelhaften Tradition. Mit der Ausbildung von Jugendoffizieren - schon 1958 - auf Betreiben des damaligen Generalinspekteurs Adolf Heusinger - war das erklärte Ziel verbunden, den Widerstand breiter Kreise der westdeutschen Bevölkerung gegen die Remilitarisierung durch "eine intensive Öffentlichkeitsarbeit auszuhebeln". Heusinger, der Hitler bereits 1923 als einen "von Gott gesendeten Mann" bezeichnet hatte, war an den Vorbereitungen sämtlicher militärischer Aggressionshandlungen des Naziregimes beteiligt. Mit ihren Aktivitäten zur Militarisierung der Gesellschaft führt die Bundeswehr die von Heusinger 1958 reaktivierte Tradition fort: Militarismus als Struktur-element der preußischen und preußisch-deutschen Geschichte (Wette). Da ist es kein Zufall, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Faschismus und der Rolle des Militärs kaum noch stattfindet. Zur ,Normalität' einer kriegführenden Bundeswehr gehört auch die ,Normalität' des Vergessens und Verdrängens der deutschen Geschichte des Faschismus.

"Militarisierung" - so der Jesuit Georg Michael Pachtler - "bedeutet die Beanspruchung aller lebenden und toten Kräfte des Volkes für den einzigen Zweck: Den Krieg." Und "Jubel über militärische Schauspiele ist eine Reklame für den nächsten Krieg." (Kurt Tucholsky)

Deswegen wendet sich Pax Christi gegen die Militarisierung der Gesellschaft und die Omnipräsenz des Militärs im gesellschaftlichen Alltag. Besonders hellhörig müsste der Griff der Bundeswehr nach den Schulen machen. Vom Bildungsauftrag her müsste die Schule ein Ort der Aufklärung sein. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, im Interesse von Emanzipation von ihrer Vernunft Gebrauch zu machen. Das aber schließt kritisches Nachdenken über die Ursachen von Konflikten, ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, ethische Orientierungen etc, an. Dieser umfassende Auftrag wird ins Gegenteil verkehrt, wenn die Schule zu einem Ort der Legitimation des Militärs durch Propaganda verkommt.

Der englische Historiker Arnold Toynbee konstatiert: " Wer vom Krieg als letztem Mittel schwafelt, will von friedlichen Mittel ablenken:"

Vorstand pax christi im Bistum Trier,
12.10.2009

zurück
Leiste mit verschiedenen Bildern aus den beteiligten Projekten
Friedensfahne